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Prophezeiungen in Fantasy-Jugendbüchern

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Prophezeiungen sind ein beliebtes Sujet in Jugendbüchern, ganz besonders im Genre Fantasy. Warum ist das so?

Zum einen erhöhen sie die Spannung, spielen mit der Erwartungshaltung der Leser:innen, werfen einen Blick in die Zukunft. Zum anderen kann man damit aber auch seine Leserschaft in die  Irre leiten und vollkommen überraschen, ähnlich wie bei dem berühmten Orakel von Delphi, als Krösus geweissagt wurde:

"Wenn Krösus den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören."
Kann man es ihm verdenken, dass er – optimistisch und von sich eingenommen – diese Prophezeiung auf das Perserreich und nicht auf sein eigenes bezog?

Orakel und Weissagungen sind meist rätselhaft formuliert und können durchaus auch unsere Figuren in die Richtung schubsen, in der wir bzw. der oder die Prophet(in) sie agieren lassen wollen. Im Falle von Delphi wurde hier über viele Jahrhunderte geweissagt. Historiker behaupten sogar, dass die hellenistischen Expansionsbestrebungen, scheinbar unkoordinierte Einzelhandlungen, in Wahrheit von Delphi zentral gesteuert wurden. Denn wer zu einer großen Reise ins Unbekannte aufbrach, befragte zunächst das berühmte Orakel. So liefen alle Einzelheiten zu Reisevorhaben, Eroberungen, geplanten und bereits gegründeten Niederlassungen in Delphi zusammen und in diesem Zentrum politischer und religiöser Macht, spätestens durch den Zwölfstädtebund 600 v. Chr. konnten die Wege der einzelnen Kolonisten durch die Weissagungen gezielt gesteuert werden. 

Zurück zu Prophezeiungen im Genre Fantasy.

Wenn wir als Autor:in Weissagungen in unserem Buch verwenden, sollte es unseren Leser:innen daher wie Krösus ergehen: Vieles wird angedeutet, einiges scheint offensichtlich, aber am Ende weiß keiner genau, was tatsächlich passieren wird und der Interpretationsspielraum ist gigantisch. Das erhöht natürlich die Spannung unseres Romans. Ob der Weissagungstext nun in Reimform (wie unten am Beispiel von Elbendunkel) oder ganz nüchtern formuliert wird, ist natürlich Geschmackssache.

„Auch die Letzten ihrer Stämme
fliehen in das ferne Land,
doch der Dämon folgt der Spur.
Alsbald brechen sie den Schwur,
reichen ihm die Fehde-Hand.

Schon reißt er den Rachen auf,
droht, die Dunklen zu verschlingen,
nährt sich von der lichten Wut,
hellen Ehrgeizes wilde Glut,
dieses Land für sich zu gewinnen.

Des Kampfes leid und knöcheltief
im Blut verratener Verräter,
entsprießt indes ein neu Geschlecht.
Ist dunkle Hand der lichten recht
und Ohren taub dem Wort der Väter.

So hört, erst dann,
wenn Dunkelheit das Licht umkreist,
wird es Lichtes Tochter gelingen,
den blutrünstigen Dämon zu bezwingen,
damit Asche den Weg ins Land der Väter weist.“

Auszug aus: Rena Fischer. „Elbendunkel – Kein Weg zurück“ 

Dem Held oder der Heldin wird prophezeit, dass er/sie die Welt rettet – ein zu häufig verwendetes Thema?
Vielleicht. Was spricht dagegen, dass die Prophezeiung anders verläuft, als von der Leser:in gedacht? Versucht, mit der Erwartungshaltung eurer Leser:innen zu spielen, sie in die Irre zu führen. Oder baut die Prophezeiungsstätte als kriminelles Syndikat aus, das seine ganz eigenen Ziele mit der Weissagung verfolgt. Ich denke, das Thema bietet so viele Variationsmöglichkeiten, das man seine Leser:innen immer aufs Neue überraschen kann. 

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